mehr weniger wagen.

irgendwann im märz 2007 war twitter irgend so ein neues netzdings, wie es sie zu hauf gab und gibt.  da ich absolut promisk bin, was neumodische netzdingse angeht habe ich mir einen account geklickt, um dann erstmal ziemlich ratlos zu sein, was das ganze denn nun soll. tatsächlich lautete einer meiner ersten tweets in etwa „i probably never gonna use this“.

damit lag ich, wie sich herausstellen sollte, so ziemlich daneben. nachdem mein account geraume zeit brach lag, tauchten die ersten desktopclients auf, ich fand die ersten interessanten leute, und mit der durch allmählich einsetzenden omnipräsenz von rundeckigen mobiltelefonen entwickelte sich der kleine nutzlose was-isst-du-gerade-dienst zur globalen, alles durchdringenden instanz in sachen kommunikation.

im rahmen meiner mitwirkung in der organisation der jährlichen jugendumweltkongresse und meines engagement in der umweltbewegung habe ich mich immer sehr intensiv mir kommunikations-, debatten- und entscheidungsfindungsprozessen befasst. kaum zu übersehen ist in solchen zusammenhängen, dass große, formale strukturen prozesse oft arg erschweren und frustrierend machen, während informelle, spontane strukturen häufig dynamisch, produktiv und irgendwo zwischen erträglich und angenehm sind. experimente in dieser richtung mündeten auf dem jugendumweltkongress, dessen zielsetzung immer auch herrschaftsabbau in der selbstverwaltung war, sogar darin, informelle strukturen als tuschelrunden oder interessieren/betroffenengruppen zu institutionalisieren.

diese dynamik der strukturlosen selbstorganisation, die institutionalisierte tuschelrunde, die gleichberechtigte kommunikation zwischen allen beteiligten ermöglicht, hat mich begeistert, mich bereichert. jedezeit in der globalen kaffeeküche stehen, viel mitzubekommen und sich einbringen zu können hat unsere umwelt, unsere sinne erweitert. ziemlich viel bewegung ist aus dieser neuen möglichkeit entstanden, unglaublich viel des potenzials für austausch, debatte und selbstorganisation wurde progressiv genutzt. dieser neue, selbstbestimmte kommunikationskanal wurde zum teil meiner wahrnehmung der welt.

doch die fetten jahre sind vorbei. mit der zeit ist, schleichend, die utopie schal geworden. auch weil es nichts richtiges im falschen gibt und das interesse der risikokapitalfirmen an einer emanzipierteren gesellschaft weit unter dem des profits steht und somit die strategie entlang der monetarisierbarkeit und nicht des guten und richtigen gezeichnet wird. utopien landen da zwangsläufig im falschen quadranten des businessplans. aber nicht nur.

die kommunikationswohlbefindensnadel neigt sich immer mehr in richtung frustration. das medium erzwingt, durch konzentriertheit und durchsatz, destruktive kommunikation. menschen ziehen sich zurück oder brennen aus. ihdl hat das dankenswerter weise beobachtet und in worte gefasst.

ich bin ziemlich ratlos. ich habe das bedürfnis, mich aus diesem kanal herauzuziehen. einerseits. andererseits möchte ich weiter mit den vielen menschen, die mir wichtig sind, in verbindung bleiben. ich möchte weiterhin teil des schwarms sein, der emanzipatorisch wirkt, halte aber das regressive grundrauschen schwer aus.

ich bezweifle, auch wenn ich die initiative unbedingt unterstützenswertnotwendig finde, dass ein mehr an kommunikationsbewusstsein großen niederschlag findet. ich werde – erstmal vorläufig, aber mit der option auf permanenz – twitter als kommunikationskanal einstellen. meine gedanken mehr ins bloggen fließen lassen, persönliche kommunikation mehr nach jabber (zurück)verlagern, informationsrauschen mehr von app.net beziehen und zum debattieren, austauschen und welt retten mich wieder darauf besinnen, mich proaktiv mit menschen zu treffen.

ich werde all das so bewusst wie möglich tun und meine erfahrung mit diesem mehr an weniger festhalten.

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4 Antworten zu “mehr weniger wagen.

  1. Faserpiratin

    Schade, dass du dich zurückziehen willst.

  2. schon mal was von identi.ca und diaspora gehöhrt/gelesen? – Twitter verlassen, jo hab ich auch gemacht… und wieder mehr (soziale) zeit gewonnen… 🙂

  3. Pingback: Links (6) « sanczny

  4. Pingback: kein kater nach dem digitalen rauschen « yetzt

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