Küssen verboten? Kiss Kiss, Bang Bang oder Critical Hetness

[tl;dr: Get a Room! Küssen ist nicht verboten, Nichtküssen ist solidarisch.]

Viele Menschen küssen gerne. Küssen kann eine wunderbare Tätigkeit sein, Ausdruck von Zuneigung und Nähe. Grundsätzlich ist das konsensuelle Teilen eines Kusses die Ausübung und Aneignung von Autonomie[1], Ausdruck von Selbstbestimmung über den eigenen Körper, freier Vereinbarung unter den Küssenden.

Von Bedeutung ist die Frage, wie das Küssen im Gefüge der Herrschaftsverhältnisse wirkt. Wenn Küssen aufgrund gesellschaftlicher Machtverhältnisse negativ sanktioniert ist, kann ein Kuss ein revolutionärer, befreiender Akt sein. Gibt es etwa rassistische Ressentiments gegenüber „gemischten“* Pärchen, ist bewusstes Entgegentreten durch einen Kuss ein Akt der Provokation und greift die Verhältnisse an.

Doch daraus folgt nicht, dass die von den Herrschaftsverhältnissen benachteiligten Menschen heterosexistische Diskriminierung allein überwinden müssten. Es kann nicht die Forderung sein, dass sich die Unterdrückten doch bitte selbst befreien mögen.

Auf der anderen Seite der gedachten Barrikade wirken Küsse auch. Nicht als Akt der Befreiung, sondern als Fortführung der Verhältnisse. Wenn ein Kuss zwischen Menschen gesellschaftlich akzeptiert wird, bedeutet dies ein Privileg gegenüber Menschen, deren Küssen gegen die Norm verstößt, unerwünscht oder geächtet ist. Das Privileg ergibt sich nicht nur daraus, etwas ohne negative Konsequenzen tun zu können, sondern auch daraus, es zu können, während dies anderen nicht gegönnt ist. Dabei spielt es keine Rolle, wie schwerwiegend die Konsequenzen sind.

Diskriminierung lässt sich nicht wegknutschen. Und der offene Umgang mit Homosexualität fordert sich immer schön einfach, wenn man selber Hetero ist und einem nichts besseres als Identitätspolitik einfällt.

Wenn das Normale das Andere konstruiert und dem eigenen unterordnet, will es natürlich weiterhin Verfügungsmacht über das Andere haben, sich Gewissheit verschaffen, dass das, was da als Abweichung herunterdefiniert wurde, auch an dem Platz verbleibt, den es zugewiesen bekommen hat. Wenn sich das Andere dem Normalen gegenüber widerständig zeigt, muss es gewaltförmig zurückgestoßen werden, sonst könnte es die vermeintlich sichere Positionen gefährden. [medienelite]

So geht Heteronormativität. Und das merkt man auch an Äußerungen wie „Wir wollen doch mal nicht den Heteros das Knutschen verbieten“ oder dem Fehlinterpretieren des Wunsches nach Solidartität als Einschränkung für die Mehrheit. Heteronormativität ist, Akzeptanz und Sichtbarkeit für Heteros einzufordern, wo Heteros durch Dominanz die Norm vorgeben. Akzeptanz für LGB(T*I) zu proklamieren und gleichzeitig die Norm zu reproduzieren, die diese ausschließt. Heteronorm ist, wo knutschende Heteropärchen nicht mit Distanzlosigkeiten rechnen müssen. Niemand sagt „Ey, ihr seid hetero? Find ich toll!“ und niemand verprügelt Heteros weil sie hetero sind.

Heteronorm ist, zu sagen, die Homos wären nur neidisch auf die Heteroprivilegien, ohne überhaupt zu merken, was man da gerade gesagt hat. Heteroprivileg ist, dass niemandem deine Sexualität unangenehm ist, im Gegenteil: Bei den meisten gilt sie als normal und wird vorausgesetzt. Niemand erklärt, du würdest deine Sexualität vor dir her tragen, nur weil du „offen“ hetero lebst. Deine Sexualität ist in den Medien überproportional repräsentiert. Niemand fragt, „Wie ist das denn bei euch Heten?“ und du lernst schon in der Schule, wie das ist bei euch Heten (wie du z.B. Safer Sex praktizierst). Niemand kommt dir mit „Das war jetzt aber sehr hetero von dir“-Stereotypen. Niemand erklärt dir wegen deines Outfits/Frisur/sonstwas, du sähst ja gar nicht aus wie ne Hete. Niemand erwartet von dir als Mann, dass du einen besonderen Hang zu Mode, Inneneinrichtung oder Flugbegleitung hast. Niemand fragt dich als Frau, ob Zugucken eventuell eine Option wäre. Und niemand sagt: „Was die im Schlafzimmer machen, ist ja deren Sache, aber müssen die auf der Straße knutschen?“

Heteroprivileg ist, dann zu sagen, „Die Homos können doch auch knutschen!“

Genauso wie Postgender nicht gegen geschlechtsspezifische Diskriminierung hilft, schafft man es nicht durch Ignoranz, Heterosexismus zu überwinden. Die Ausschlüsse, die die Norm mit sich bringt, schafft man nicht durch Subjektivierung auf die Ausgeschlossenen aus der Welt. (Dass die ganze Gleichstellerei nichts nützt, wenn man dabei nicht die Norm in Frage stellt, hatte @lantzschi erst kürzlich erklärt: Die Sache mit dem Zwangsouting).

Heterosexuelle Pärchenperfomance unter „Wir können doch alle knutschen“ abzutun, zeugt von nicht reflektieren des eigenen Privilegs. Genauso tut das, wenn zur Verteidigung öffentlicher Heteroperformance angeführt wird „Aber ich muss mir auch Dicke/Alte/Doofe anschauen!“, denn die reproduzieren keine Dicken-/Alten-/Doofen-Norm sondern sind selber marginalisierte Gruppe.

Es ist schwierig, Herrschaftsverhältnissen zu entgehen, nicht nur als Unterdrückte, auch als Unterdrückende. Dominanz nicht zu reproduzieren, und Privilegien zu erkennen, ist der dafür notwendige Schritt. Auch wenn jetzt und hier privilegierte Menschen die Herrschaftsverhältnisse nicht erfunden haben, liegt es an ihnen, nicht von diesen zu profitieren und sie somit aufrecht zu erhalten.

Der springende Punkt ist, sich ein kritisches Bewusstsein für die Verhältnisse zu schaffen, auch wenn diese sich nicht mal gerade eben ändern lassen.

Wie also sieht normativitätskritische Praxis aus? Zunächst die bittere Wahrheit, dass eine normative Performance, also die Wahrnehmbarkeit des Auftretens und der Handlung als nicht der Norm widersprechend, den Machverhältnissen nie entgegenwirkt. So toll das Knutschen und so queer/nichtnormativ die Knutschenden auch sein mögen, wenn es als mono- und/oder heteronormativ gelesen wird, reproduziert es die mono- und/oder heteronormativen Verhältnisse. Ein Ausdruck von Solidarität ist es also, in einem Kontext, in dem nicht alle Menschen gleichberechtigt Knutschen können, nicht zu knutschen. Es ist nicht die Frage, ob Küssen verboten ist, sondern, wie solidarisch privilegierte Menschen sein wollen.

Protipp: Küssen kann man auch zu Hause. Nicht umsonst wird bei übertriebenem Küssen oft geraten, sich ein Zimmer zu nehmen. Und es gibt sicher keinen Anspruch darauf, dass irgendwer öffentliche Pärchenperformance toll findet.

Weiterlesen:

RiotMango: Ey, seid ihr lesbisch?
Mädchenmannschaft: Warum es manchmal okay ist, Heteros doof zu finden
Lantzschi & LeahBoh: Heterosolidarität-Podcast
Nele Tabler: Der große Unterschied zwischen Lesben und Heten
Martin Rochlin: Questions For Heterosexuals

[1] Umkehrschlüsse sind an dieser Stelle nicht zulässig, selbstredend ist auch das nicht-Küssen Ausübung von Autonomie.

Diesen Text haben @sanczny und @yetzt gemeinsam verfasst, ohne sich dabei zu küssen.

Advertisements

6 Antworten zu “Küssen verboten? Kiss Kiss, Bang Bang oder Critical Hetness

  1. Pingback: Privilegien und Zärtlichkeiten « skategyrl's Blog

  2. Lez

    Wenn Lesben-Paare Hausverbot in Gaststätten bekommen, auf der Straße angepöbelt oder angegriffen werden, wenn eine Angst haben muss, den Job zu verlieren, dann ist ‚Out sein‘ und auch küssen extrem nachteilig.
    Hetenpaare haben Privilegien hier.

    • Dann wäre es doch logisch sich an die Leute zu wenden, die Lesben und Homosexuelle diskriminieren, und nicht an Heteropärchen die in der öffentlichkeit rumknutschen.

      • Tina

        > Lesben und Homosexuelle

        Ich möchte dich nicht zerpflücken, aber gucken was du schreibst solltest du schon. Es könnte sonst der Eindruck entstehen, du stündest nicht im Thema.

        Und in dem Text geht es nicht nur um konkrete diskriminierende Tätigkeiten, sondern um ein System, in dem Hetero-Menschen vergleichsweise gefahrlos knutschen können und in dem es nicht hilft, einfach knutschen für alle zu fordern, weil der Heterosexismus so allgegewärtig ist, dass es nicht mehr an einer konkreten homophoben Äußerung oder Blick etc. liegt, dass Lesben und Schwule Nachteile zu fürchten haben, sondern das ganze eben systematisch verankert ist.

      • @tina

        Und wie sollte dieses System bitte geändert werden? Sich gegen Diskriminierung zu wehren, ist imho ein guter Anfang.

        P.S: Und nein, ich hab auch wenig Ahnung von dem Thema, aber das belastet mein Selbstbewußtsein weniger.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Statistik

  • 16,828 hits
%d Bloggern gefällt das: