Post-Emanzipation, RTFM und Dämlichkeit

Triggerwarnung: Sexismus, sexuelle Übergriffe, Gewalt; Der Text enthält Passagen aus dem besprochenen Buch.

[tl;dr: Reaktionäres Weltbild mit neuen Label; Eine Enzyklopädie der Kackscheiße]

Post-Postgender heißt die Utopie, die der Pirat Christoph Puppe in seinem Pamphlet „BDSM, Emanzipation und Männlichkeit – Oder: Ich will auch Eine Klitoris! Der männliche Mann: Jagen und Ficken ist wieder cool.“ – ja, so heißt es wirklich – zeichnet. Ein in jeder Hinsicht dünnes Büchlein, geschrieben von einem Autor, der vorgibt, frei von männlichen Vorbildern und Einflüssen sozialisiert worden zu sein, und dennoch sein „authentisches Ich“ in der Rolle eines reaktionären sexistischen Machos gefunden hat. Das jedenfalls ist, wie er sich in seinem Buch präsentiert.

Der Autor sieht sich als weiblich sozialisiert, weil seine Mutter alleinerziehend war. Weibliche Prägung, weibliche Strategien und Denkweisen („Reden und zuhören. Nachdenken.„) habe er loswerden müssen. Er beklagt fehlende Emanzipationsliteratur für Männer. Dem Buch „Der Mega Aufreißer“ („The secret society of pickup artists„) habe er sehr viel zu verdanken, doch das reiche nicht. Im Verweis überfragter Buchhändler auf die Sport/Autos/$stereotype_Männerkram-Ecke sieht er Sexismus gegen Männer.

Es gehe ihm nicht um einen Kampf der Geschlechter, sondern um ein Miteinander, bei dem sich alle Beteiligten auf Augenhöhe begegnen. Nicht auf Augenhöhe ist, so ergibt sich anschließend, der „schuldbewusste Waldorfschüler„, der „bei ersten Anzeichen von weiblicher Autonomie in den Häkelkurs rennt„. Da ist er dann tatsächlich, der Sexismus, Abwertung über stereotype Weiblichkeit und Einschränkung auf obligatorische Geschlechterrollen.

Die Frauenbewegung der 1960er Jahre beschreibt der Autor als Zeit, in der Frauen „in den Kampf zogen, die besseren Männer zu werden„. Die Männer könne er verstehen, die „waren sich der Kollektivschuld von zig tausend Jahren Patriarchat bewusst und gaben den Kampf kollektiv auf„. Einen Kampf, dessen Ziel es war „auf eine Gesellschaft hin zu arbeiten, in der alle Geschlechter gleich gestellt sind„.

Auf die Gleichberechtigung folgte laut Puppe die egalitäre Gesellschaft „in der Geschlechterrollen und Geschlechterbilder sowas von letztes Jahrtausend sind“ – Postgender –, wo es hyper-individualisierte Menschen als beleidigend empfänden, als Teil einer Gruppe gesehen oder in Schubladen gesteckt zu werden. Auf welchem Planeten er diese Situation vorgefunden haben will, bleibt unklar.

Seine Antwort: Post-Post-Gender. Neben vielen selbst zu wählenden Gruppen sei „das genetische Geschlecht und der daraus entstehende Körper, „also der Genotyp und der Phänotyp“, eine Gruppe, die wir uns nicht selbst aussuchen„. So würden wir geboren und es beeinflusse uns. Es sei nach all der Gleichmacherei wieder okay, zu seinem Geschlecht zu stehen.

Nun versucht der Autor herzuleiten, dass männliche Vorherrschaft dem männlichen Geschlecht innewohnenden Eigenschaften geschuldet sei. Männer zeigten weniger Gefühle, da dies besser befähige in Gruppen zu arbeiten, Gruppen und Netzwerke bedeuteten höheren Erfolg. Dass Wissenschaft nicht aufgrund irgendeiner Benachteiligung von Frauen eine Männerdomäne sei, leitet er daraus ab, dass Frauen trotz Emanzipation immer noch deutlich weniger Nobelpreise gewinnen.

Puppe argumentiert mit zahlreichen Rückgriffen auf das Buch „Wozu sind Männer eigentlich überhaupt noch gut?“ („Is There Anything Good About Men?: How Cultures Flourish by Exploiting Men„) des bei Maskulisten besonders beliebten Psychologen Roy F. Baumeister. Puppes Argumentation ist etwa folgende: Männer müssen Frauen beeindrucken um sich fortpflanzen zu dürfen, sind deshalb risikofreudiger und so durch höheren Einsatz erfolgreicher. Aber wie so oft, wenn Geschlechteressentialisten ergebnisorientiert argumentieren, wird umgekehrt ein Schuh draus:

Many studies have indeed found that women tend to be more averse to risks and losses than men – they prefer options with higher certainty, and they prefer to avoid losses rather than acquire gains. But according to Priyanka Carr and Claude Steele, this apparent gender difference isn’t the basis for sexual stereotypes, it’s the result of them. // Viele Studien haben in der Tat festgestellt, dass Frauen Risiken und Verluste eher scheuen als Männer – sie bevorzugen Optionen mit höherer Sicherheit und sie bevorzugen Verlustvermeidung vor Gewinnerzielung. Aber laut Priyanka Carr und Claude Steele, ist dieser scheinbare Geschlechterunterschied nicht Grundlage für Geschlechterstereotypen, sondern ihr Resultat.
— (Discover Magazine: Women make safer financial decisions when faced with sexual stereotypes);

Puppe schwurbelt also über „von der weiblichen Emanzipation aufgestellten Glaubenssätze“ die „eventuell nicht vollständig“ seien oder nicht stimmen. Erklärt lang und breit, wie Männer den Vibrator, das Gummi und das Internet (MÖÖÖP!!) erfunden hätten, da Frauen nicht bereit gewesen seien, die für diese Erfolge notwendigen Opfer zu bringen.

Wissensbasis und Grundlage für seine „Analysen“ sind Klischees, das gibt der Autor offen zu („Wo kein Feuer, da kein Rauch.„).

Wer glaubt mit Katie Roiphes Ergüssen über Fifty Shades of Grey schon den großtmöglichen Unfug über BDSM und Rollenbilder gelesen zu haben, sollte das Kapitel „BDSM“ besser überspringen.

Der Autor beschreibt BDSM als Weg, Zugang zu seiner Männlichkeit zu finden, Teile von sich zu finden, die in bisherigen Beziehungen nicht hätten gelebt werden dürfen. Er schreibt über ein leidiges „lass das, du tust mir weh„. Und anstatt etwa „Vergewaltigungsfantasien ausleben“ schreibt er „vergewaltigen„. Er verortet die Herkunft seiner Triebe im seinem „Wesen als Mann“ und BDSM sei sein Weg, diese auszuleben. Er schreibt im Kapitel „Unterdrückung“ einerseits von einem auf beiden Seiten akzeptierten Spiel, andererseits, wie aus Spaß dann Ernst würde. Und unter „Erniedrigung“ beschreibt er, wie er Dinge tun kann, die auf Augenhöhe nicht gehen.

Schließlich fragt er „Ist Vergewaltigen männlich?“ und betont, dass Vergewaltigung ohne Einverständnis eine schlimme Straftat sei. Auch hier wieder Fehlanzeige wer „Ausleben von …-Fantasien“ erwartet hätte. Die post-emanzipatorische Frau sei stark genug, zuzugeben, dass sie Gefallen daran finde, so benutzt zu werden.

Er berichtet von einem Berliner Fight Club, wo er sich auch mit Frauen prügelt, die „ihre männliche Seite erleben„.

Dann schwadroniert er über Paintball, und dass er nie verstanden habe, warum den Paintballs Bitterstoffe zugesetzt seien (Hint: Damit die nicht von Tieren gefressen werden), die einen üblen Geschmack erzeugen („Denke so geht es manchen Frauen, wenn der Herr keinen Annassaft mag.„).

Weiter erklärt der Autor, wie ihn das schießen und rennen erregt und er am liebsten eine hübsche nackte Frau an einen Pfahl in der Mitte des Spielfeld binden würde für den Gewinner („Mach ich auch nochmal.„)

Insgesamt eine krude Mischung aus verpeilten Stereotypen, Klitoris-Neid, ruinierter Scheidenflora, Schlüpfer Sammlung (mit Deppenleerzeichen), wie alleinerziehende Mütter nicht „den fehlenden Vater“ ersetzen könnten, und wie „dicke Autos“ als Ausgleich für irgendetwas „abgetan“ würden aber Frauen total wissenschaftlich belegt sexuell erregen. Der Autor nennt sich „poly-monogam„: Er ist poly und sein „Harem“ monogam. SMS an Frauen verschickt er nur, „wenn beim Schreiben auch die Hose spannt„.

Der Autor sieht sich selbst in einer Welt, die ihn nicht versteht, ihn ablehnt, seinen Wünschen, seinem Begehren und seinem Sein feindselig gegenüber steht. Diese Feindseligkeit verortet er im manifestierten Zustand des Postgendertums als feministischer Herrschaftskultur, den es seiner Meinung nach zu überwinden gilt.

Auf dem das Camp, einer Zusammenkunft von Menschen aus dem Umfeld der Piratenpartei in ländlicher Idylle, durfte Puppe seine Position (oder Utopie) präsentieren.

Gewalt, Macht, Dominanz und Unterwerfung, Dreck und Schmutz, Protzigkeit und Potenz findet Puppe toll. Er zeichnet ein damit aufgeladenes männliches Stereotyp und empfiehlt es als Prototyp seiner Utopie. Gerechtfertigt wird dieses archaische Rollenmodell mit allerlei wirren Thesen, da müssen schon mal biologistische Pseudoweisheiten oder Begründungen wie „weil es geil ist“ herhalten. Das Idealbild der Männlichkeit Puppes speist sich aus seinen eigenen Wünschen und Vorlieben, als unabänderliche Triebe verbiologisiert, notdürftig gekittet mit einem Sammelsurium aus Rechtfertigungen, von Biologismen bis zu beipflichtenden Alibi-Frauen.

Was Puppe unter BDSM verortet, hat nichts mit der aufgeklärten, emanzipierten Kultur zu tun, die auf Grundlage freier Vereinbarungen, unter dem Credo Safe Sane and Consensual für ein Ende der Diskriminierung perverser[1] Sexualität steht. Völlig unreflektiert propagiert Puppe nichtkonsensuelle dominante Sexualität, fordert nicht die aktzeptanz von konsensuellem Rape Play als möglichem Ausdruck von Sexualität, sondern lobt Vergewaltigung als großartigen Ausdruck von Männlichkeit unter dem feigenblattartigen Hinweis auf deren Strafbarkeit.

Die Frage nach den Herrschaftsmechanismen beantwortet Puppe völlig realitätsresistent. So verliert er kein Wort zur strukturellen Diskriminierung von Frauen, sieht sich selbst aber unerträglicher Ungerechtigkeit ausgesetzt, begeht den vermeintlichen Tabubruch des sich Aneignens von Macht und keine Frage nach der Wirkung seines Handelns. Puppe fordert eine Welt, in der der Mann wieder Herrscher ist. Dass diese Welt Realität ist, immer Realtität war und das Problem, nicht aber die Lösung ist, kommt ihm nicht in den Sinn.

Post-Post-Gender ist in Quintessenz also die Forderung, Errungenschaften der Emanzipation über Bord zu werfen, sich auf die stereotypen Machtfantasien des Autors als gesellschaftlichen Zustand der Glückseligkeit zu freuen und lachend zurück in die Barbarei zu marschieren.

Puppe denkt, wie er erst spät im Buch zugibt, mit seinem Genital, und fast möchte man sich an der Stelle vor die Stirn schlagen und rufen: „Dachte ich doch!“

Not sure if trolling or just incredibly stupid. 0 von 5 Sternen.

[1] Der Begriff pervers ist hier im Sinne einer positiven Aneignung durch die BDSM-Kultur zu verstehen

Diesen Text haben @sanczny und @yetzt unter großen Schmerzen in Handfläche und Gesicht gemeinsam verfasst.

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3 Antworten zu “Post-Emanzipation, RTFM und Dämlichkeit

  1. Hahaha, sich als „weiblich sozialisiert“ zu bezeichnen, weil man in seiner Kindheit von mehr Frauen als Männern umgeben war, ist schon amüsant und hat Unterhaltungspotential.

    Ansonsten, bzw. auch sonst kann ich grad kaum glauben, dass ihr das Buch tatsächlich durchgelesen habt. Ich hoffe, die Reaktionen darauf gehen in die Richtung des Schröder Buchs… Dass ernstzunehmen, darauf hab ich eigentlich keine Lust.

  2. Pingback: Grunzwertigkeiten. Das Camp im Rückspiegel. « yetzt

  3. Pingback: David Krcek – Landtagskandidat für Augsburg Post-Postgender? GTFO! - David Krcek - Landtagskandidat für Augsburg

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