Grunzwertigkeiten. Das Camp im Rückspiegel.

ich habe mich auf dem das camp herumgetrieben. tendenziell war das eine eher positive erfahrung, ich habe einige nette menschen kennen gelernt und meist eine schöne zeit gehabt. dank vieler toller menschen und spannender gespräche habe ich mich recht wohl gefühlt.

organisatorisch wäre bestimmt einiges besser zu machen. dass es zum frühstück keinen kaffee gab und mensch bei kaffeewunsch espresso kaufen musste, statt sich nach bedarf bulk-bohnenkaffee zapfen zu können und dass allgemein wenig rücksicht auf schlafbedürfnisse genommen wurde, waren dabei am gravierendsten und haben nicht meinen erwartungen entsprochen.

allgemein schien die ausrichtung des camps eher auf die schaffung eines socializing space hinauszulaufen, bei dem inhaltliche auseinandersetzung reduzierten optionalen charakter hatte. die spannenderen debatten liefen jedenfalls durchweg in informellen runden statt im programmatischen teil ab. inhaltliche grundübereinkünfte zwischen den debattierenden brachten gefühlt die entwicklung von ideen und initiativen eher voran, als gesetzte, low-levelig gehaltene themen von der bühne herab erzählt zu bekommen.

thematisch war das programm recht spannend und verheißungsvoll, der ablauf jedoch oft durchbrochen von auseinandersetzungen um grundlegendes.

im auftaktslot sprach rüdiger weis, ehemaliges mitglied der grünen und derzeit nicht parteipolitisch selbstverortet, darüber, was von den grünen zu lernen wäre. inhaltlich eher farblos, jedoch an einigen stellen des talks wurden steile thesen als faktischer zustand vorausgesetzt. ökologie und feminismus seien längst herrschaftsimmanent, so der tenor von weis, und die vielen alleinerziehenden väter (sic) könnten dank liquid feedback nun endlich politisch partizipieren. eine eher zaghafte intervention durch mich und eine andere zuhörende auf grund der formulierung „männer und weiblein“ wurde unter der ausrede, dass der ausdruck regiolektisch legitimiert wäre, übergangen; später, nach ende des talks, wurde ich dafür als „clown“ und „taliban“ beschimpft und mir unterstellt, mir ginge es um aufmerksamkeit und destruktion, wofür es von umstehenden zustimmung gab. eine intervention gegen die ausschließende formulierung „heteros und schwule“ wurde ähnlich bedacht.

breitere intervention seitens der zuhörenden gab es bei den monologen christoph puppes. eigentlich war der slot als panel konzipiert, jedoch gab es bei der moderation kein bewusstsein für dominanzen durch endloses reden und kein entgegenwirken. hinweise darauf aus dem publikum wurden als „störung“ abgetan, erst gegen ende des slots kamen auch die anderen sprecher_innen des panels zu wort und war eine legitimierte debattenbeteiligung der zuhörenden letztlich möglich. nicht unsichtbar machen möchte ich an dieser stelle die trotz dominanzärme prägnante kritik an puppe durch acid, welche_r ebenfalls im panel saß sowie die treffenden worte, die arte_povera als entgegnung auf puppes thesen fand.

inhaltlich waren die ausführungen puppes geprägt durch erfahrungsberichte aus paintball- und kampfsport, sexuellen wünschen und bezügen auf durch ihn unverstandene studien, der konstruktion einer männlichkeitsnorm aus diesen einflüssen und verweisen auf sein pamphlet BDSM, Emanzipation und Männlichkeit Oder: Ich will auch Eine Klitoris! Der männliche Mann: Jagen und Ficken ist wieder cool. inhaltlich werde ich darauf in einem weiteren blogpost eingehen. [update: hier]

andere talks wurden von vertreter_innen kruder thesen und verschwörungstheorien derailt, im workshop zu gewaltfreier kommunikation wurde offenbar seitens der vermittelnden nicht gewaltfrei kommuniziert. diese slots habe ich mir aber erspart und lieber den regen genossen.

[es gab auch andere talks, die ich mir angesehen habe, aber mspro und hdsjulian kannte ich schon und pavel fand ich, bis auf das für mich neue wort, kontemplativ, unspannend]

sprachlos hat mich gemacht, dass, wie ich erst im nachhinein erfahren habe, ein mensch auf dem camp anwesend war, dort auch mit kruden verschwörungstheorien auftrat, der kurze zeit zuvor einem anderen anwesenden als demonstration seiner körperlichen überlegenheit, eine ernste verletzung zugefügt hat. menschen die sich derart grenzüberschreitend verhalten, möchte ich aus den politischen räumen, in denen ich mich bewege, mit breitem konsens ausgeschlossen wissen. wäre mir dies bewusst gewesen, hätte ich eine intervention eingefordert oder die veranstaltung verlassen.

was also ist für mich die quintessenz? als harmoniegespeistes labor für emanzipative politiken, wie ich das gendercamp10 erlebt habe und mir veranstaltungen wünsche, war das camp ein reinfall. der landidyllische erholungsfaktor ist auch eher klein, wenn auch ich die wunderbare zeit mit den grandiosen menschen meiner interaktionsbubble zutiefst schätze. dass das verbleibende potenzial für emanzipatorische veränderungsprozesse für mich ausreichend und der kackscheißegehalt erträglich genug ist, um eine nachfolgeveranstaltung zu besuchen, schließe ich derzeit aber aus.

trotz allem kann ich nun im bewusstsein, eine wertvolle zeit mit großartigen, mir wichtigen menschen verbracht zu haben, den zu kurz gekommenen schlaf nachholen.

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8 Antworten zu “Grunzwertigkeiten. Das Camp im Rückspiegel.

  1. Zwischen Berlin-Wahl und BundesTags-wahl ist @dasCamp an der SchlüsselStelle/ dem KnackPunkt.
    War es mehr als ein streamlinender KackPunkt? Die #15Piraten haben egoistisch wie immer pur gar nicht an andere gedacht – und nur durch soziale Kompetenz und redundante Empathie entsteht eine transparente Demokratie.
    Du zeigst als Beobachterin volle Mitmensch-Power. Könntest Du das auch als Handlungs-/EntscheidungsTrägerin? Ich denke ja – und sooo sorry daß wir etwas/ sowas nich zusammen machen.

  2. Der Titelheld

    wenn das verfasser bitte die falschmeldung der GewaltätigkeitIn richtigstellen könnte bitte

  3. ed.

    BRAVO!: .. „im workshop zu gewaltfreier kommunikation wurde offenbar seitens der vermittelnden nicht gewaltfrei kommuniziert.“

  4. Azrael

    Wenn es Gewalttätigkeiten gab , warum wurde nicht direkt reagiert und dies dem Veranstalten bzw. einem Ordner gemeldet, dann wäre eine angemessene Reaktion möglich gewesen.
    Desweiteren kann ich mir nicht vorstellen, das Gewalttätigkeiten auf diesem Camp vorkommen und anwesende Personen dies ohne weiteres und stillschweigend dulden.
    Da mir weiterhin wärend des gesamten Verlaufs keinerlei gewaltätige Auseinandersetzungen bekannt wurden, gehe ich hier von einer Falschinformation aus.

    • wenn du genau liest, wirst du feststellen, dass ich nicht geschrieben habe, dass die beschriebene situation während des camps passiert ist. auch gab es auf dem camp keine „ordner“. deine fantasie ist übrigens kein argument; was du dir vorstellen kannst oder nicht ist völlig gleichgültig.

      • Azrael

        habe mir den entsprechenden Absatz noch mal durchgelesen, und muss sagen, das dies auch leicht mißverstanden werden kann leicht im Sinne von “ ist während der Veranstaltung passiert “ , desweiteren waren jederzeit mit der Sicherheit betraute Ordner auf dem Gelände

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