Herrschaftsaffären und Ausschlüsslichkeiten

[tl;dr: Polyamorie ist keine Forderung, Monoamanz keine Normalität. Es geht um die Herrschaftsverhältnisse.]

Beziehungsformen sind ein Themenfeld, über das wir reden müssen. @baum_glueck hat das mit dem Text Liebe „Ich bin Poly“-Bezeuger*innen! getan. Auch wenn darin einige sehr spannende Punkte angeschnitten werden, macht uns dieser Text nicht glücklich. Die angesprochenen Problematiken sehen wir durchaus auch, doch wohin wendet sich der Text eigentlich und von welcher Perspektive aus ist er verfasst?

Die Kritik richtet sich an Polyamorie als Forderung im Kontrast zu Monoamanz als Perspektive aus der der Text verfasst ist, Promiskuität als unkritisches Ausleben eigener Beziehungsbedürfnisse unter dem Deckmantel der Polyamorie. Doch werden einige Fragen nicht gestellt.

Als Mittel der Textanalyse haben wir den Text analogisiert; Das Ergebnis möchten wir euch nicht vorenthalten. Es ist nicht nur ein witziger Denkansatz, sondern zeigt auch einige Schwierigkeiten sowohl des Kritikansatzes als auch des Kritiksubjektes auf:

Liebe „Ich bin Homo“-Bezeuger*innen!

Ich mag die meisten von euch. Ihr traut euch so einiges in einer Welt der auf zwei Geschlechter fixierten bürgerlichen Vorstellung von Liebe. Ihr feiert die Tatsache, dass Menschen gleichgeschlechtlich lieben können und viele von euch freuen sich daran, wenn geliebte Menschen Zärtlichkeit und Intimität mit gleichgeschlechtlichen Partner*innen genießen. Das ist kostbar und nicht geringzuschätzen in einer Welt, in der Partner*innen einander noch aus Homophobie umbringen. Ich bewundere diejenigen unter euch, die verbindlich und liebevoll miteinander umgehen, die sich die Zeit nehmen, über all das zu kommunizieren, was bereits in einer heterosexuellen Bindung kompliziert und tückisch sein kann. Ihr setzt Grenzen, redet über Wünsche und vollbringt das, was manche immernoch für unmöglich halten.

Und dann gibt es diejenigen unter euch, mit denen ich große Probleme habe.

Zur ersten Gruppe gehören die, die Homosexualität gerade auch in der linken Szene wie ein religiöses Mem viral verbreiten. Das ist noch nicht mein Problem. Gute Ideen brauchen Verbreitung. Das ist mein Problem: die religiöse Idee, dass nur dieser eine Gott anzubeten sei. Klarer ausgedrückt: Wer nicht homo ist, sei spießig —

Nein. Darüber muss ich keine langen Reden halten. Ich wähle, was mir gefällt. Ich muss mit euch nicht darüber reden, was falsch sein könnte an meinen Erwartungen an die Menschen/Partner*innen, die ich wähle oder mich von euch „analysieren“ lassen in jeglicher grenzüberschreitender Hinsicht. Eure Anmaßung darüber, die „richtige“ Sexualität gewählt zu haben, mag gefüttert sein von den Schrecknissen, in die die heterosexuelle Beziehung einige von uns schon geritten hat und von der Dominanz derselben in unserer Gesellschaft. Dennoch bleibt es eine Anmaßung. Redet von persönlicher Erfahrung, von dem, was für euch das Richtige ist. Aber bleibt mir mit eurem Evangelium der einen richtigen Sexualität fern. Alternativlosigkeit muss dekonstruiert werden, auch und vor allem in sogenannten progressiven Kreisen.

Die zweite Gruppe, ich nenne sie mal: die Missverständlichen. Sie sagen „homo“, aber sie meinen „bi-curious“. Pick Up für Linke, hab ich mir da mal gedacht, oder aus den Worten anderer: Rapsberry-Reich-Problematik in neuer Verpackung. Nun, ich habe keine grundsätzlichen Probleme mit Bi-Curiosity. Habt Sex, wenn ihr Lust drauf habt! Aber benennt auch, was ihr meint! „Homo“ ist ein unglaublich schwammiger Begriff. Während die Hetero-Beziehung für viele Menschen ein „all inclusive“-Paket bedeutet, müssen Menschen in Homo-Beziehungen vieles neu definieren, es wird ihnen nicht „vorgesetzt“. Mit Menschen was eingehen, denen ihr gesagt habt: „Ich bin homo“, heißt nicht automatisch: „Du, aber morgen wieder Heten-Steckkontakt.“ Es heißt, ihr müsst erklären, was Homosein für euch bedeutet, ob ihr das völlig frei definiert im Sinne von: Ich schlafe einfach unglaublich gern mit unglaublich gleichgeschlechtlichen Menschen, oder ob es für euch vielleicht eine heterosexuelle Beziehung beinhaltet neben einer/vielen anderen, die genauso erotisch sein kann wie eine Heterobeziehung. Oder vielleicht was ganz anderes. Benutzt Begrifflichkeiten, die klar ausdrücken, was ihr meint und schleicht nicht um den heißen Brei. Versprecht nicht homo zu bleiben, wenn ihr das nicht vorhabt. Vor allen Dingen bedeutet Homo nicht: Wenn du dich lange genug hinhalten lässt, verbringe ich vielleicht mal wieder Zeit mit dir, und ansonsten bist du für mich unattraktiv.

Ich habe diese Ansage geschlechtslos gehalten. Ich habe auf Homo-Mackern bereits schonmal herumgehackt, weil sie mir auf die Nerven gehen, allerdings frage ich mich, inwieweit Frauen* zulassen sollten, dass Homosexualität wie so oft bedeuten muss, was eine im Mono*Poly*Promiskuitiven-Zelt des Antifees letzte Woche nach einem derartigen Vortrag meinte: ,,Da war mir zuviel weiße Männlichkeit.” Und ob wir lernen könnten, Homosexualität wieder neu für uns zu besetzen. Ich habe gemerkt, dass das Thema mich zuletzt deswegen so genervt hat, weil mir immerwieder in Schulunterrichtmanier von irgendeinem Typen eingehämmert wurde, wie falsch doch Heterobeziehungen sind, qed. Auf einem zweiten Vortrag letztens habe ich aber eine schöne Erfahrung gemacht und erfahren, dass es auch anders geht: In Gruppen oder zuzweit redeten die Menschen darüber, was für sie persönlich wichtig ist, was sie erfahren haben, was Liebe*Beziehung*Freundschaft für sie bedeutet. Dieser Workshop war so unglaublich viel ertragreicher und respektvoller als jede ,,Hetero ist doof/Menschen sind von Natur aus bi/Bla bla bla”–Rhetorik aus 80ern und heutigen Zeiten. Das heißt, es geht auch anders, und das festzuhalten, ist mir wichtig.

Auch wenn diese Analogie schief ist und der Text so absurd wirkt, zeigt es doch schön einige hinterfragenswerte Überlegungen auf.

Zunächst einmal geht es um die grundsätzliche Idee, dass Polyamorie selbstgewählt ist, dass Menschen polyamor werden können und von der Richtigkeit dieser Begehrensform überzeugt werden können. Kaum ein Mensch (von wirren Evangelikalen abgesehen) käme auf die Idee, dass Hetero- oder Homosexualität selbstbestimmt und willentlich änderbar wäre. Sexualität ist keine Überzeugung sondern individueller Ausdruck von Persönlichkeit. Auch gibt es zwar eine tendenzielle Mehrheitssexualität, aber keinen sexuellen Normalzustand. Die Welt is komplexer als die Schubladen dafür; vermeintliche Zweigeschlechtlichkeit, Kinsey-Skala und Mono-Poly-Dualismus sind nicht mehr als grobe Raster um die Welt erfassbar zu machen, nicht aber, um die zu erklären.

All das ist nicht neu, all das ist in den Diskursen weitestgehend gesetzt. Doch da der Text Polyamorie anhand von Praxen kritisiert, fehlen diese diskursiven Bezugspunkte und kommt der Text über eine grundsätzliche mononormative Perspektive nicht hinaus. Die romantische Zweierbeziehung ist gar nicht Gegenstand der Kritik, sie wir „nur“ zum Abgleich herangezogen („genauso romantisch wie“).

Genau an der Stelle wird deutlich, dass der Text Poly an der romantischen Zweierbeziehung abgleichen will. Und das ist erstens nicht sehr sinnvoll, zweitens auch noch insofern unfair, als die idealtypische romantische Zweierbeziehung der Real Life praktischen Umsetzung von Poly gegenübergestellt wird. Indem z.B. von den „Polybezeuger*innen“ verlangt wird, zu erklären, was Poly für sie bedeutet. Und indem ein „völlig frei“ definiertes Poly von einem implizierten „richtigen“ Poly abgegrenzt wird, das durch Verbindlichkeit gekennzeichnet wird, und „genauso romantisch sein kann wie eine RZB“. Damit wird dann nicht nur Verbindlichkeit zum integralen Bestandteil beider Beziehungsformen erhoben, sondern auch noch der Anspruch an Romantik an der romantischen Zweierbeziehung abgeglichen. Und das ist beides nicht sehr sinnvoll, schon weil man vielleicht nicht unbedingt etwas an der Norm abgleichen sollte, das ganz bewusst nicht in diese Norm passen will.

Der Text kritisiert Verhaltensweisen anhand der Beziehungsform („Benutzt Begrifflichkeiten, die klar ausdrücken, was ihr meint“, „Versprecht nicht zu bleiben, wenn ihr das nicht vorhabt“), die von der Beziehungsform unabhängig sind. Sicher kann man sich beim „all inclusive“-Paket der RZB besser vorstellen, was geboten wird, aber das ist die gesellschaftliche Norm und vielleicht nicht der eigene Wunschzettel. Und so schön dieses Gefühl der Sicherheit ist, dass eine Beziehung richtige echte Meinungsverschiedenheiten aushält, dass man sich nicht egal ist,… Dieses „all inclusive“-Paket der romantischen Zweierbeziehung beinhaltet auch ein paar Nachteile, die Sache mit romantischer Liebe als Trägerin herrschaftsförmiger Ideologie z.B., weswegen die romantische Zweierbeziehung ja in gewissen linken Kreisen eben als „trotzdem“ und nicht als „yippie, die tollste Beziehungsform ever“ geführt wird. Oder dass man hinterher als eine Hälfte von einem Wir dasteht und erstmal mühsam gucken muss, wie das mit dem alleine klarkommen nochmal ging.

An einem solchen (gefühlten) Ideal die praktische Umsetzung von Poly zu messen, ist jedenfalls unfaire Kritik, weil es an Poly Anforderungen stellt auf deren Einhaltung bei romantischen Zweierbeziehungen so genau niemand schaut. Und das ist ganz einfach ein überzogener Anspruch. Auch monogame Menschen versprechen Dinge, die sie nicht meinen, verarschen oder halten hin.

Hier wird bereits deutlich, dass die Kritik zwar einige treffende Überlegungen anstellt, aber viel zu schmalbandig abzielt. Vor lauter Erdbeerkuchen wird die ganze Bäckerei nicht gesehen. Letztlich fehlt hier die Tortenschlacht: die Frage nach der Herrschaft.

Die Herrschaftsverhältnisse erklären Monoamanz zur Normalität, zum Maßstab. Polyamorie weicht davon ab. Auch in diesem Text muss sich Polyamorie erklären, soll sich an die Strukturen einer mononormativen Gesellschaft anpassen. Polyamore Menschen sollen sich verorten, sollen ihr Begehren einsortieren und erklären. Romantische Zweierbeziehungen gelten als das erstrebenswerte Gute. Die Frage nach der Unsichtbarkeit polyamorer Menschen wird nicht gestellt, an Sichtbarmachung von Polyamorie wird sich in Form einer Interpretation als Forderung gestoßen. Polyamorie als Forderung wird nicht in Frage gestellt, sondern nur als nervig empfunden. Bitte bleibt unsichtbar. „Seid weiterhin toll idealisiert polyamor, aber stört nicht unsere glücklichen RZBs“. Promiskutiät wird als unkritische Zärtlichkeits-Raumnahme im Kontrast zu romantisierter Polyamorie dargestellt.

Dass Begehren, Sexualität, Geschlechtlichkeit, in jeder Intensivität oder Abwesenheit immer valide sind und nicht politisch in Frage gestellt werden können, sondern die Normierung von Sexualität, Begehren und Geschlecht die wesentlichen Herrschaftsfaktoren sind, mit denen es sich auseinanderzusetzen gelte, ist der wesentliche Punkt, auf den der Diskurs zulaufen muss. Polyamorie ist nicht richtig oder falsch, sondern da und das genau so zu recht wie Monoamanz. Es geht nicht um die Herrschaftsförmigkeit von Beziehungsformen, sondern um die Herrschaftsverhältnisse in Beziehungen und die normativen Machtverhältnisse zwischen Beziehungsformen.

Wichtig ist es, die progressiven, emanzipatorischen Momente, die sich durch die Einforderung der Nichtdiskriminierung polyamorer Beziehungsformen ergeben, weiterzutragen. Offenheit, direkte Kommunikation und freie Vereinbarungen sind kein polyamores Exclusivum, sondern können in allen Formen zwischenmenschlicher Beziehungen Herrschaftsverhältnisse entgegenwirken.

Letztlich geht es darum, eine herrschaftskritische Praxis in allen Beziehungen zu leben. Dazu zählt, wie der Text richtig erkennt, auch der ganze Kram, der in polyamoren Praxen falsch läuft, aber eben auch, das viel weitere, problemdurchdrungenere Feld diskriminatorischen Alltags in normativen RZBs.

Dass Polyamorie (ebensowenig wie Monoamanz) keine Forderung oder per se richtiger oder besser ist, sondern eine menschen innewohnende, gesetzte Begehrensform, die auch durchdrungen von Herrschaftsverhältnissen ist, müssen alle begreifen. Auch Polys, aber mononormativ verortete Menschen insbesondere.

Ob polyamor oder monoamant — Wichtig ist der Widerstand!

Diesen Text haben @sanczny und @yetzt gemeinsam verfasst, um ihr diffuses Unwohlsein mit dem Ursprungstext zu verarbeiten. Daran hatten die beiden auch ohne Beziehung eine Menge fast gar keinen Spaß.

[Auch erschienen bei sanczny]

[Update: Die Wunderbare @riotmango macht sich Gedanken, wie determiniert Sexualität eigentlich ist.]

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2 Antworten zu “Herrschaftsaffären und Ausschlüsslichkeiten

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